Über Daniela Butschs Videoinstallation “flow” von Peter Funken

flow-daniela-butsch
Videostill from the loop "flow" by © daniela-butsch, Berlin 2002

Wasser, nichts als fließendes, strömendes, rauschendes Wasser – kein dürrer Strahl aus dem Wasserhahn, kein träger Kanal und auch kein gemächlich treibender Fluß, sondern unglaubliche Wassermassen, stürzende Kaskaden und Wasserwalzen zeigt Daniela Butsch in ihrer 2002 fertiggestellten Bewegtbildsequenz “flow”.
Butsch hat “flow” an den Niagara-Falls in den USA und in Kanada aufgenommen. “flow” zeigt in einer stehenden Einstellung Fließbewegungen des Wassers und die Kraft, Intensität und Ruhe des Elementes. Butschs elektronische Bilder bilden im Vordergrund Wassermassen ab, die eine Stufe hinab fließen; von Links und die Bildmitte durchschneidend, drängen weitere Wasserströme nach, während im Hintergrund eine hinabstürzende Flut zu erkennen ist. Diese Einstellung und Ansicht bleibt während des gesamten Filmverlaufs erhalten. Es ist eine klare und spannungsgeladene Bildkomposition, die den ganzen Bildraum einnimmt. Mit der Ordnung von Hintergrund, Mittel- und Vordergrund erschließt sich etwas Absolutes, das dynamisch und dennoch meditativ erscheint.

Daniela Butsch, flow, looped videoinstallation. Nine stills from flow.

Daniela Butsch versteht “flow” berechtigterweise als “electronic painting”, als eine “elektronische Malerei”, denn ihre Aufnahme der Niagara-Fälle wird durch Farben gesteigert und medial konnotiert. Butschs Video durchläuft –nachdem es aus der Stille und Ruhe des Standbildes anfänglich rapide beschleunigt wurde – von Rot ausgehend alle Farben des Farbkreises samt ihrer Zwischentöne, bis der Film zum Schluss in einer Magenta-Tönung endet.

Daniela Butsch, flow, video installation projected onto the facade of the Staatliche Museum Schwerin, 2003.
flow projiziert auf die Fassade des Staatlichen Museums Schwerin, 2003.

 

Bis dahin ist vieles geschehen – die Ansicht des fließenden Wassers wechselte von Orange nach Gelb ins Grün und Blau, um violett und endlich rosarot zu werden. Mit den Farbveränderungen entstehen der Arbeit immer wieder andere und neue Stimmungen und Atmosphären: “flow” beginnt in einem hellen, warmen Rot, wird dann geradezu gefahrvoll und blutig-rot, um bei der Farbe Blau in Kühle und Kälte umzuschlagen.

 

Daniela Butsch, flow, video installation projected onto the facade of the Staatliche Museum Schwerin, 2003.
flow, looped video installation projected onto the facade of the Staatliche Museum Schwerin, 2003.

 

Die scheinbar übergangslosen Veränderungen der Farben erzeugen Momente, die nur schwer zu begreifen und zu beschreiben sind, denn in den Zwischentönen entwickeln sich Kontraste, Vermischungen und Verwandlungen, die zwar das Auge wahrnimmt, über deren Bedeutungsveränderung sich der reflektierende Intellekt jedoch kaum beim ersten Sehen des Filmes bewusst werden wird.

Daniela Butsch, flow projiziert in Kunming, China 04/2005 während des Yunnan Film Festivals im Rahmen von Jianghu 3 mobile video. fotos: jay brown
flow projiziert in Kunming, China 04/2005 während des Yunnan Film Festivals im Rahmen von Jianghu 3 mobile video. fotos: jay brown

Zudem verändert “flow” seine Bewegungsrichtung nach der ersten Hälfte seiner Laufzeit*, die bei gut sechs Minuten liegt. Nach der ersten Hälfte fließt und fällt das Wasser nicht länger der Gravitation gehorchend nach unten, sondern steigt nun rückwärts zurück zu seinem Ursprung. Getrennt werden die beiden gegensätzlichen Fließrichtungen durch eine Entschleunigungsphase, die in einem Stillstand von wenigen Sekunden gipfelt. Durch diese Rückwärtsbewegung entwickelt sich dem Film eine besondere Form der Perzeption, die den Betrachtern die Chance gibt noch einmal und anders in “flow” “einzusteigen”: Wirkte die erste Hälfte schon nach kurzer Zeit der Betrachtung auf sehr intensive Weise suggestiv und zog die Betrachter in einen Bann oder Sog, der durchaus rauschhaft erlebt wird, so entsteht mit dem Zurückfließen der Wasser, eine neuerliche und zusätzliche Irritation, die das Dargestellte noch weiter als bisher aus dem Realitätsbezug löst.

Daniela Butsch, flow projiziert auf einen Baum in Kunming. China 3/4 - 2005
flow projiziert auf einen Baum in Kunming. China 3/4 – 2005
Daniela Butsch, flow projiziert auf einen Baum in Kunming. China 3/4 - 2005
flow projiziert auf einen Baum in Kunming. China 3/4 – 2005
Daniela Butsch, flow projiziert auf die Fassade der Provincial Library von Yunnan. China 3/4 - 2005
flow projiziert auf die Fassade der Provincial Library von Yunnan. China 3/4 – 2005

 

Mit dem Zurückfließen wird die Filmwirklichkeit nun vollends phantastisch, nur – und dies erscheint mir bemerkenswert – ist die Suggestionskraft, die durch das fließende Wasser und die Veränderungen der Farben ausgelöst wird, sowieso dermaßen gesteigert, dass man sich als Betrachter über die durchaus unterschiedlichen Grade der Darstellung von Wirklichkeit kaum Rechenschaft ablegt und in gewisser Weise schon nach kurzer Zeit selber mitfließt, also zu einem Bestandteil des Filmes wird. “flow” produziert auf diese Weise eine neue, komplexe und faszinierende Realitätsform, die zwar von einem Naturphänomen ausgeht, jedoch nicht dabei stehenbleibt, sondern zu einem medialen Erlebnis und Erleben führt, das die Betrachter beim Zusehen aktiviert und in das Geschehen integriert.

 

Daniela Butsch, flow projiziert auf das Galerie-Café Astrid Störzer während der Passauer Kunstnacht.
flow projiziert auf das Galerie-Café Astrid Störzer während der Passauer Kunstnacht.

 

Wie sie mit diesem Erlebnis umgehen, ob sie es als rein sinnlich-emotionale Erfahrung erleben oder aber als Denkanstoß für die Frage nach der Wirklichkeit von Wirklichkeit begreifen, ist dabei jedem selber überlassen. In diesem Sinne ist Daniela Butschs “flow” ein offenes Kunstwerk, das seiner Form nach konkret ist, in Hinsicht auf seine Deutung aber viele Ansatz- und Interpretationsmöglichkeiten erlaubt.

 

flow videoprints © daniela butsch, berlin 2003-5
flow videoprints
© daniela butsch, berlin 2003-5

*Das Mastertape von “flow” hat eine Länge von gut 12 Minuten, die durch Loops verlängert werden können. Diese Grundform wird je nach Projektionsort und Projektionskontext variiert, wobei “flow” sowohl im Innen- als auch im Aussenraum installiert werden kann. Nach meiner Auffassung ist der ideale Darstellungsort der Aussenraum, weil „flow“ etwa als Fassadenprojektion erst in der großen Dimension seine ganze Kraft, Intensität und Eleganz entwickelt. Daniela Butsch versteht “flow” als kontextorientiertes Konzept, dessen Länge und Projektionsgröße variabel ist.

 

Text Dr. Peter Funken geb. 1954 in Heinsberg / Rhld., lebt seit 1983 in Berlin als freier Autor und Kurator. Derzeit arbeitet er für die Nordeuropäische Akademie für Kunst und Architektur in Schwerin