1. openart lausitz biennale – art shapes spaces 31.7. – 20.9.2026

TRANSFORMATION © Daniela Butsch/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

TRANSFORMATION

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ein Bewegtbild von Daniela Butsch zum Thema Tagebau in der Niederlausitz

In der Niederlausitz überlagern sich geologische Zeiträume und industrielle Gegenwart: Eine eiszeitlich geprägte Tiefebene trägt die Spuren früherer Abläufe – und wird im Hier und Jetzt zur Bühne des Umbaus. Der Tagebau macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt: Materialfolgen, Schichtungen, Übergänge. Im Zentrum dieses Eingriffs steht die Abraumförderbrücke F60. Als Förderbrücke, vom ehemaligen VEB TAKRAF Lauchhammer gebaut, wird sie im Lausitzer Braunkohlentagebau eingesetzt, um den Abraum zu transportieren, der über dem Kohlenflöz liegt. Die Bezeichnung F60 verweist auf die ursprünglich maximale Abtragsmächtigkeit von 60 Metern. Mit ihrer Länge von 502 Metern gilt sie zugleich als „liegender Eiffelturm“: eine bewegliche technische Arbeitsmaschine, die bis zu 80 Meter hoch und etwa 240 Meter breit werden kann. Die F60 ist damit mehr als ein Gerät. Sie ist eine sichtbare Choreografie industrieller Maßlosigkeit: Zwischen Boden und Tiefe, zwischen Förderleistung und Veränderung des Raums. 

Wie der Norden Deutschlands sind auch die Landschaften der Lausitz eiszeitlich geprägt. Mehrfach stieß von den Gebirgen Skandinaviens kommendes Inlandeis bis in das Gebiet der heutigen Lausitz vor und begrub das Land unter sich. Dabei transportierten die vorstoßenden Gletscher große Mengen an Erd- und Gesteinsmaterial und hinterließen auf ihrem Rückzug markante steinerne „Zeitzeugen“, mitunter tonnenschwer, sogenannte Findlinge. Von besonderer landschaftsgestaltender Bedeutung war die Inlandeisbedeckung vor etwa 150.000 Jahren. Als es zum Stillstand des Gletschers kam, baute sich das ausschmelzende Material nach und nach zu den Endmoränen auf, die heute den „Niederlausitzer Grenzwall“ bilden. So entstand ein sich von Bad Muskau bis Luckau erstreckender Höhenzug, der heute die Maximalausdehnung des Eises in der Lausitz-Kaltzeit markiert.  

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Technik rasant. Vor allem die Einführung der Dampfmaschine war für den Bergbau der bestimmende Motor, trieb sie doch Dampfpumpen an, welche das Grundwasser abzogen. Kohlenpressen und Dampflokomotiven, transportierten Material und Rohstoffe. Die Reichsgründung von 1871 brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung für die Industrie der Lausitz. Die aufstrebende Hauptstadt Berlin wurde zum wichtigen Abnehmer. Zuwanderer aus der nördlichen Lausitz und Ostsachsen, schlesische Steinkohlebergleute, aber auch Kleinbauern, die für den Bergbau ihren Grund und Boden verkauft hatten, fanden Arbeit in den Gruben. Ihre große Blütezeit erlebte die Braunkohleindustrie zwischen 1870 und 1910. Neue Technik, immer neue, größere Abbauflächen, Verkehrswege und Eisenbahntrassen entstehen in dieser Zeit. 283 Brikettpressen waren in Betrieb und bereits 1902 wurden im Senftenberger Revier 22% Rohbraunkohle und 95% Briketts über die Schiene transportiert. Senftenberg war der wichtigste Bahnhof der Region. Mit dem Bergbau veränderten sich die Landschaft, die Bevölkerungsstruktur und das Gesicht der Lausitz grundlegend.

Chronologie des frühen Bergbaus:

1861 der Braunkohlebergbau im Kreis Calau steht unter Bergaufsicht des Königlichen Bergamtes zu Rüdersdorf, später des Königlichen Oberbergamtes Halle
1870 in der gesamten Niederlausitz Braunkohleindustrie waren 430 Arbeiter, davon 114 in Senftenberger Gruben tätig. Entlohnung der Bergbauarbeiter: Für Karrenläufer 10 Silbergroschen täglich. Bohrhelfer 8 bis 9 Silbergroschen täglich. Ein Tagelöhner erhielt bei Vollbeschäftigung im Jahr höchstens 90 bis 100 Taler. Jährliche Ausgaben einer Arbeiterfamilie mit 4 Kindern: 80 Taler für Lebensmittel | 12 Taler Miete | 7 Taler Brennmaterial | 25 Taler für Kleidung und Wäsche | 10 Taler für Hausrat und Arbeitswerkzeug | 5 Taler für Steuern und Schulgeld | Den Fehlbetrag von 40 Talern mussten Frauen und Kinder aufbringen. Tagelöhner waren ungelernte Arbeiter und hatten keinen arbeitsrechtlichen Schutz. Auch das Bergamt war für Tagelöhner nicht zuständig.

Der Kohlenabbau in den dicht besiedelten Gebieten machte größere Städte wie Borna, Zwenkau, Senftenberg und Hoyerswerda zu Inseln in Mitten von Kippflächen und Restlöchern mit steilen Böschungen. Darüber hinaus wurde im Zuge der extensiven Steigerung der Braunkohlenförderung nach dem zweiten Weltkrieg im Osten Deutschlands mit den bergbaulichen Sümpfungsmaßnahmen erheblich in den Gebietswasserhaushalt eingegriffen. Neben der Umverlegung von Flüssen und Bächen mit einer Länge von insgesamt ca. 230 Kilometern waren andere Auswirkungen nicht auf den ersten Blick sichtbar, aber dafür sehr großräumig und bis in Tiefen von über 100 m reichend. Durch die bergbaulichen Sümpfungsmaßnahmen wurde eine Gesamtfläche von ca. 3.880 km2, dies entspricht fast 1,1 % der Fläche Deutschlands, wesentlich beeinträchtigt. Es war ein Wasserdefizit von 12,7 Mrd. m3 entstanden. Das entspricht einem Viertel des gesamten Bodensee-Volumens oder der Wassermenge, die die Spree in Berlin in einem Zeitraum von 28 Jahren führt. Im Lausitzer Revier sind seit Beginn des Braunkohleabbaus rund 137 Dörfer und Siedlungen ganz oder teilweise dem Tagebau gewichen. Davon waren mindestens 96 sorbische (oder wendische) Orte, da weite Teile des Reviers im sog. historischen sorbischen Kerngebiet liegen. Eine vollständige Liste und detaillierte Dokumentationen zu den einzelnen Dörfern finden sich im Archiv Verschwundener Orte ab Ende 2026 im Textilmuseum in der Gemeinde Forst. Dr. h.c. Otto Rindt, Landschaftsarchitekt und Visionär sieht bereits in den 60er Jahren Seen als Bergbaufolgelandschaft und realisiert mit Unterstützung seiner Assistentin Elke Loewe die „Badewanne der Brandenburger und Sachsen“ – den Senftenberger See als Bergbaufolgelandschaft. Mit mehr als 50 größeren künstlichen Seen entstand die größte künstliche Seenlandschaft Europas. Allerdings müssen in zahlreichen Seen zusätzliche Wasserbehandlungsmaßnahmen zur Neutralisation des sauren Wassers umgesetzt werden.

Als 1990 mit den gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland quasi „über Nacht“ 31 von den insgesamt 39 Großtagebauen in Ostdeutschland die Förderung einstellen mussten, war dies verglichen mit dem über vier Jahrzehnte andauernden, fast gleichmäßigen Rückgang der Produktion und der Anzahl von Bergwerken im Allgemeinen und im Steinkohlenbergbau Westdeutschlands im Besonderen, eine bisher beispiellose Zäsur.

Die Braunkohlesanierung in Deutschland wurde für viele Menschen zum Synonym für die „Neugestaltung ganzer Landschaften“, die „Heilung tiefer Wunden in der Natur“ sowie für die wirtschaftliche und ökologische Umstrukturierung“ ehemaliger Reviere und ist eines der größten Umweltprojekte Europas. Die vom stillgelegten Braunkohlenbergbau in Anspruch genommene Fläche beträgt ca. 1.000 km2 und ist damit größer als das Territorium von Berlin.

Heute sind im Lausitzer Braunkohlerevier noch drei F60 in Betrieb: in den Tagebauen Welzow-Süd, Nochten und Reichwalde. Gleichzeitig markiert der inzwischen einsetzende Übergang auch das Ende: Anfang 2024 wurde die im Tagebau Jänschwalde eingesetzte F60 nach rund 47 Jahren Betriebszeit außer Betrieb genommen; am 5. Februar 2026 wurde die Brücke gesprengt. Als weitere Brücke existiert zudem die fünfte und letzte gebaute F60: Auf Initiative und durch das Engagement der Landschaftsplanerin Elke Loewe wurde diese Brücke nicht gesprengt. Sie ist für Besucher begehbar und steht im Besucherbergwerk Abraumförderbrücke F60 bei Lichterfeld-Schacksdorf.

In Bezug auf das Biennale-Thema „art shapes spaces“ fragt die Arbeit, wie Räume entstehen, wie sie verändert werden und welche Bilder von Zukunft sich in ihnen abzeichnen. Die Lausitz erscheint dabei als ein Terrain des Dazwischen: Aus Braunkohle wurde Energie; an die Stelle der Förderung treten Windparks, Solarfelder, Speichertechnologien und neue Infrastrukturen. Zugleich werden Tagebaue geflutet, Wälder gepflanzt und neue Lebensräume entworfen. Doch dieser Wandel ist nicht abgeschlossen — er bleibt brüchig, widersprüchlich und offen. Das Bewegtbild zeigt Landschaft nicht als Kulisse, sondern als Prozess: als Speicher von Zeit, als Ort von Eingriffen und als Raum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig sichtbar werden. Last not least: eine rhetorische Frage eines Baggerführers aus dem Tagebau Welzow-Süd: „Sollen wir jetzt alle Bademeister werden?“

Besonderer Dank gilt:

Frau Michaela van den Driesch, Künstlerische Leitung der 1. openart lausitz biennale  | Atelierhof Werenzhain, Maysun Kellow, Doberlug-Kirchain | Herrn Dr. Steinhuber und Frau Kaltschmidt von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), Senftenberg | Herrn Andreas Kadler, Berlin | Herrn Albrecht vom „excursio“ Bergbautourismus-Verein Welzow

https://openart-lausitz-biennale.de/de/biennale/artists/daniela-butsch

Landschaft Welzow Süd © Daniela Butsch-VG Bild-Kunst, Bonn 2026 (2)